Kriegspläne für Mainz und Rheinhessen

Der französische Plan XVII lag seit 1911 auf dem Tisch. Es war ein Offensivplan, dem eine "Doctrine de l'attaque constante" (Doktrin des permanenten Angriffes) zugrunde lag und der bei den französischen Soldaten einen heroischen Kampfgeist auslösen sollte, um damit jede deutsche Gegenwehr zu brechen. Wenn der Krieg beginnt, sollten nach dem Plan XVII die Truppen unseres Nachbarlandes über Lothringen und das nördliche Elsass tief bis zum Rhein vorstoßen. Die Antwort auf diesen französischen Plans fand sich in Deutschland im Schlieffenplan. Anders als vielleicht erwartet, sollten die deutschen Soldaten dieser "Offensive à outrance" (Offensive bis zum Äußersten) in den Grenzgebieten keinen langanhaltenden Widerstand leisten. Im Gegenteil. "Moltkes Aufmarschanweisung für die 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht von Bayern sah vor, dass sich deren Einheiten bei dem erwarteten Angriff der französischen 3. und 5. Armee zurückziehen sollten, um die Gegner […] ins Reichsgebiet hineinzulocken", schreibt Herfried Münkler in seinem jüngsten Bestseller "Der Grosse Krieg" über den von Frankreich erhofften "Liebesdienst".

Heute wissen wir, dass dieser Plan nicht funktioniert hat. Anders als von Moltke geplant, lockte der bayerische Kronprinz die französischen Armeen nicht nach Deutschland, sondern ging statt dessen ohne Befehl selbst in die Offensive. Die französischen Truppen wurden hinter ihre eigene Festungslinie zurückgeworfen. Folge: Mit der bayerischen Gegenoffensive wurde der Drehtüreffekt des deutschen Schlieffenplans blockiert. "Was taktisch ein Erfolg des deutschen Heeres war, erwies sich strategisch als ein verhängnisvoller Fehler, und mancher Analytiker meinte später, die Deutschen hätten die große Schlacht im Westen nicht an der Marne, sondern bereits in Lothringen verloren", so Münkler in seinem Buch.

Was hat dies alles mit Mainz und Rheinhessen zu tun? Die ursprünglichen deutschen und französischen Kriegsplanungen ahen einen Kriegsschauplatz in Mainz und Rheinhessen vorsahen. Ein Krieg in den Weinbergen. Ein Stellungskrieg vor unserer Haustür. Vorbereitet hierfür war alles.

Die konkreten Vorbereitungen für einen möglichen Krieg hatten in Mainz und Rheinhessen bereits um 1900 begonnen. Der deutsche Kaiser hatte entschieden, dass in Rheinhessen eine moderne Festungsfront geplant werden sollte. Der Ausbau begann schließlich 1908 und an dessen Ende sich in Rheinhessen über 300 betonierte Festungswerke in einem Halbkreis von Heidenfahrt über Nieder-Olm bis Laubenheim befanden. Entlang dieser Hauptstellung der Festung Mainz hätte ein Angriff der französischen Truppen abgewehrt werden sollen. Fort Gonsenheim.

Bei einem Durchbruch durch diese rheinhessische Festungslinie wären die französischen Soldaten kurz vor Mainz auf einen zweite Verteidigungsring mit 14 kriegsbereiten Forts gestoßen. Diese Forts waren zur Zeit des Deutschen Bundes gebaut und gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einem hohen finanziellen Aufwand verstärkt worden (Bild linke: Fort Gonsenheim). So hatten beispielsweise viele Decken der Forts 1 m starke Sandpolster erhalten, auf denen 1,2 m dicke Betonschichten aufgebracht waren. Bei den Forts Weisenau, Hechtsheim, Mariaborn, Bingen, Hartenberg und Hartmühl wurden zusätzlich Granitblöcke eingebaut, was damals ein sehr teurer Baustoff war. Die gesamte Feuerstellung der Forts im inneren Verteidigungsring betrug fast 5.000 m. Eine für jeden Angreifer beeindruckende Zahl. Diese Feuerlinie, verbunden mit dem relativ modernen Ausbaustand, hätte die Forts selbst nach dem Fall der Hauptstellung zu einem immer noch ernst zu nehmenden Hindernis für einen Angreifer gemacht. Unter dem Schutz dieser Forts hätte eine über den Rhein setzende deutsche Armee wertvolle Zeit gewinnen können, um sich – wie es der militärische Auftrag des Festung Mainz vorsah – neu zu sammeln und zu formieren.

Zu klären ist noch die Frage, weshalb der bayerische Kronprinz ohne Befehl und abweichend von den Planungen Moltkes die französischen Truppen nicht zum Rhein gelockt hat. Die Antwort findet sich ebenfalls in dem Buch von Herfried Münkler. "Vielleicht spielten hier aber auch die Rivalitäten und Eifersüchteleien eine wichtige Rolle, und der Kronprinz von Bayern und sein Generalstabschef wollten nicht diejenigen sein, die mit ihren Truppen nach Deutschland zurückwichen, während der Kronprinz von Preußen mit seinen Einheiten nach Frankreich voranstürmte". Ob dies tatsächlich die entscheidenden Motive für die nicht geplante Offensive der deutschen 6. Armee in Lothringen war, wird heute nicht mehr abschließend zu klären sein. Fest steht aber, dass die Entscheidung des bayerischen Kronprinzen der Stadt Mainz und vielen rheinhessischen Ortschaften möglicherweise das Schicksal von Verdun erspart hat.

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